Besonders kleinere Fliessgewässer mit geringer Wassertiefe können sich bei starker Sonneneinstrahlung schnell erwärmen. Für Fische wie Bachforellen oder Äschen mit zum Teil tödlichen Folgen. Bild: © Pascal Sieber
Artikel aus aqua viva 3/2025
Hitzefalle Restwasserstrecke: Wie wir unsere Gewässer kühl halten
Der Klimawandel führt zu steigenden Wassertemperaturen in unseren Fliessgewässern. In Restwasserstrecken von Ausleitkraftwerken wird dieser Effekt noch verstärkt: Geringe Abflüsse, kleine Wassertiefen und verflachte, überbreite Sohlen verschärfen die Wirkung der Sonneneinstrahlung und sorgen für eine zusätzliche Erwärmung von bis zu fünf Grad. Insbesondere für Fische wie Bachforellen oder Äschen sind die Folgen dramatisch.
Von Matthias Mende und Pascal Sieber
Die Wassertemperatur ist ein Schlüsselfaktor für den ökologischen Zustand der Fliessgewässer. Sie beeinflusst eine Vielzahl biologischer, physikalischer und chemischer Prozesse und wirkt sich direkt oder indirekt auf alle im Wasser lebenden Organismen aus. In heissen Sommern und insbesondere an Hitzetagen leiden Wirbellose und Fische unter hohen Wassertemperaturen. Kältebedürftige Fischarten wie die Bachforelle stellen bereits bei Temperaturen von über 19 Grad die Nahrungsaufnahme ein, leiden an Stress und werden anfälliger für Krankheiten (Elliot et al. 1995; Spees 2015). Temperaturen von 25 Grad sind für Bachforellen und Äschen selbst bei kurzzeitiger Überschreitung tödlich (Elber et al. 2019).
Bereits heute erreichen unsere Fliessgewässer häufig solch unnatürlich hohe Wassertemperaturen. In der Folge kommt es immer wieder zu Fischsterben wie beispielsweise im Hochrhein. Im August 2018 stiegen dort die Wassertemperaturen auf über 27 Grad. Rund 90 Prozent der lokalen Äschen-Population verendete. Solche Ausnahme-Ereignisse werden sich zukünftig häufen. Denn die aktuellen Klimaszenarien zeigen, dass sich unsere Gewässer bis zum Ende dieses Jahrhunderts nochmals deutlich erwärmen. Ohne Klimaschutzmassnahmen könnten die Wassertemperaturen sogar um 3 bis 9 Grad ansteigen (NCCS 2021). Gleichzeitig werden auch Trockenperioden und Hitzewellen deutlich zunehmen und länger dauern.
Diese Prognosen sind für die aquatischen Lebewesen fatal. Sofern keine Massnahmen zur Kühlung unserer Fliessgewässer ergriffen werden, sind daher gravierende Veränderungen der Lebensbedingungen und Artenzusammensetzung zu erwarten. Arten wie die Bachforelle oder Äsche könnten im Schweizer Mittelland sogar mittelfristig aussterben. Doch neben der Klimaerwärmung gibt es viele weitere Faktoren, die auf die Wassertemperatur einwirken. Einige davon, wie eine starke Beschattung, können zur Abkühlung überhitzter Gewässer beitragen, andere, wie die Wasserentnahme zur Energiegewinnung, sorgen für eine zusätzliche Erwärmung.
Forschungsprojekt «Temperaturverlauf in Fliessgewässern»
Um das Bewusstsein für Temperaturprozesse in Fliessgewässern und die Wirkung kühlender Massnahmen zu stärken, haben die Büros Sieber & Liechti GmbH und IUB Engineering AG das Forschungsprojekt «Temperaturverlauf in Fliessgewässern» initiiert und durchgeführt. Finanziert wurde das Projekt vom BAFU, den Kantonen Zürich und Aargau, dem Renaturierungsfonds des Kantons Bern und dem WWF Schweiz. Im Rahmen des Forschungsprojekts wurde der Frage nachgegangen, wie sich an Hitzetagen die Wassertemperatur in Fliessgewässern im Längsverlauf verändert und welchen Einfluss Faktoren wie Beschattung, seitliche Zuflüsse, Wasserkraftanlagen und Eindolungen auf die Wassertemperatur haben. Daraus wurden Massnahmenempfehlungen abgeleitet, um unsere Gewässer in Zeiten des Klimawandels kühl(er) zu halten.
Im Sommer 2019 während der Hitzeperiode vom 20. Juli bis 13. August wurden hierzu entlang von vier Fliessgewässern in den Kantonen Zürich und Aargau Temperaturmessungen durchgeführt: Am Erusbach, der Wyna (beide AG) sowie der Jonen und der Sihl (beide ZH). Es wurden bewusst Bäche und mit der Sihl ein kleinerer Fluss ausgewählt. Solche Gewässer bilden etwa 80 Prozent unseres Fliessgewässernetzes (Tent 2011) und können sich aufgrund der geringeren Wassermenge schneller erwärmen als grosse Ströme wie der Rhein oder die Aare. Für die Temperaturmessungen wurden insgesamt 110 Temperaturlogger eingesetzt. Sie lieferten Daten sowohl über den zeitlichen Verlauf der Wassertemperaturen – die Messungen erfolgten im Fünf-Minuten-Intervall – als auch über die Wärmeentwicklung in Fliessrichtung des Gesamtverlaufs der untersuchten Gewässer.
Der zeitliche Verlauf der Temperaturentwicklung war bei allen Gewässern sehr ähnlich. Die Minimalwerte traten in den frühen Morgenstunden kurz nach Sonnenaufgang auf. Die Maximalwerte wurden am späten Nachmittag bis frühen Abend erreicht. Auch zeigte sich bei den untersuchten Gewässern eine generelle Temperaturzunahme in Fliessrichtung. Dennoch war der Temperaturverlauf in Fliessrichtung insbesondere bei den kleineren Fliessgewässern Erusbach, Jonen und Wyna sehr inhomogen. Es zeigte sich, dass sich die Temperatur in Abhängigkeit von lokalen Einflussfaktoren kleinräumig verändern kann. Kühlenden Einfluss hatten dabei vor allem eine starke Beschattung der Gewässer, aber auch Grundwassereinträge. Zu einer zusätzlichen Erwärmung kam es vor allem entlang unbeschatteter Abschnitte, durch Einleitungen aus ARAs und unbeschatteter Seitenbäche, an Wasserstauungen sowie entlang von Restwasserstrecken von Ausleitkraftwerken.
Massnahmen zur Kühlung unserer Fliessgewässer:
Mehr Restwasser
Der erwärmende Einfluss von Restwasserstrecken zeigte sich im Untersuchungsgebiet besonders auffällig beim Wasserkraftwerk Waldhalde bei Hütten. Auf der 4,5 Kilometer langen Restwasserstrecke erwärmte sich die Sihl trotz oft schluchtartigem Verlauf, beidseitiger Bewaldung und einer Lage oberhalb von 600 Metern über Meer von 18,9 auf bis zu 23,6 Grad (+4,7°C). Mit der Wasserrückgabe erfolgt eine plötzliche Abkühlung auf 19,8 Grad (–3,8°C). Der geringe Abfluss in der Restwasserstrecke und die damit verbundene kleine Wassertiefe auf grosser Abflussbreite hatten bei starker Sonneneinstrahlung einen deutlichen erwärmenden Einfluss auf die Wassertemperatur. Bei Ausleitungen ist in Restwasserstrecken daher besonders auf die Entwicklung eines Niederwassergerinnes zu achten. So kann verhindert werden, dass sich das wenige Wasser auf eine grosse Fläche mit geringer Wassertiefe und Fliessgeschwindigkeit verteilt. Zusätzlich sollte geprüft werden, ob die Restwasserdotation in Kombination mit dem Niederwassergerinne ausreicht, um zumindest die Letaltemperatur von Äsche und Bachforelle von 25 Grad zuverlässig und dauerhaft zu unterschreiten.
Rückbau von Querbauwerken
Ebenfalls einen erwärmenden Einfluss auf die Wassertemperatur haben Querbauwerke und Stauhaltungen. Sie vergrössern die Wasseroberfläche und erhöhen die Aufenthaltszeit des Wassers insbesondere in Niederwasserphasen. Wo immer möglich sollten sie daher zurückgebaut werden. Zumal mit dem Rückbau zahlreiche weitere positive Effekte verbunden sind: unter anderem die Wiederherstellung der freien Fischwanderung, des natürlichen Geschiebetransports und gewässertypischer Fliessgeschwindigkeiten.
Kühlendes Umfeld
Zudem sollten auch kühlende, das heisst verdunstende Landschaftselemente, flächendeckend gefördert werden. Dies gilt sowohl für den Wald (z.B. Umwandlung von Nadel- in Laubwald), die offene Landschaft (z.B. Wiedervernässung von Feuchtgebieten, Agroforstsysteme) als auch für Siedlungsgebiete (z.B. Gehölzpflanzungen, Fassaden-/Dachbegrünungen).
Starke Beschattung
Wesentlich für die Kühlung insbesondere kleiner und mittlerer Fliessgewässer ist die Beschattung. Mit einer mittleren Beschattung von 40 bis 60 Prozent kann einer weiteren Erwärmung im Allgemeinen vorgebeugt werden. Eine mittlere bis starke Beschattung von 60 bis 100 Prozent bewirkt bei mittlerem bis hohem Ausgangsniveau sogar eine Abkühlung der Wassertemperatur. Die im Forschungsprojekt gemessenen Tageshöchstwerte lagen auf weiten Strecken deutlich über 20 Grad und überschritten teilweise sogar die Letaltemperatur von Äsche und Bachforelle von 25 Grad. Eine schnelle Verbesserung dieser heiklen Situation ist nur mit einer deutlich stärkeren Beschattung zu erreichen. Vor diesem Hintergrund scheint ein Beschattungsgrad von mindestens 80 Prozent der Wasserfläche insbesondere in Gewässern mit sich selbst fortpflanzenden Beständen temperaturempfindlicher Arten angemessen (Broadmeadow et al. 2010).
Kühle Flüsse – lebendige Lebensräume
Eine grossräumig angewandte Kombination der beschriebenen sowie weiterer Massnahmen kann die negativen Auswirkungen des Klimawandels auf Fliessgewässer abmindern oder bestenfalls sogar umkehren. Auch die Wasserkraftbetreiber können hier ihren Beitrag leisten, indem sie die Wasserentnahme den veränderten Bedingungen anpassen. Von den Massnahmen profitieren aber nicht nur die Fliessgewässer und ihre Bewohner. Sie führen auch in der Fläche zu einem ausgeglicheneren Lokalklima und Wasserhaushalt, stärken flächendeckend die Biodiversität und bereichern nicht zuletzt das Landschafts- und Ortsbild. Um bereits kurz- bis mittelfristig Verbesserungen hinsichtlich der Wassertemperaturen zu bewirken, eignen sich vor allem die eher kleinräumigen Massnahmen in und an den Fliessgewässern. Mittel- bis langfristig sollten aber auch die Massnahmen in der Fläche umgesetzt werden, um die Auswirkungen des Klimawandels flächendeckend zu dämpfen.
Autoren
Matthias Mende
ist Bauingenieur und arbeitet seit 2008 bei der IUB Engineering AG in Bern. Seit 2021 ist er Co-Leiter der Abteilung Wasserbau und Wasserkraft. Seine Schwerpunktthemen sind der naturnahe Flussbau und die freie Fischwanderung.
Pascal Sieber
ist Geograf und arbeitet im eigenen Büro Sieber & Liechti GmbH. Bis 2016 war er in der Abteilung Wasserbau des AWEL (Kanton Zürich) tätig. Pascal Sieber ist spezialisiert auf die Revitalisierung kleiner Fliessgewässer. Seit 2025 ist er Co-Leiter des Lehrgangs «Gewässerwart» von PUSCH.
Kontakt
Email: pascal.sieber@sieberliechti.ch
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