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Artikel aus aqua viva 2/2026
Unsere Gewässer im politischen Spannungsfeld
Unsere Gewässer im politischen Spannungsfeld
Aqua Viva setzt sich für intakte Gewässerlandschaften ein, damit Biodiversität, Wasserqualität und Klimaresilienz in der Schweiz langfristig gesichert werden. Diese Aufgabe bleibt angesichts des Spannungsfelds politischer Interessen heute so dringlich wie zuvor.
Von Salome Steiner
«Der Biodiversitätsverlust unserer Gewässer wird oft weniger stark gewichtet als etwa der Wasserkraftausbau. Wir setzen uns dafür ein, dass der Schutz und die Aufwertung unserer Gewässer den nötigen Stellenwert erhalten.»
Salome Steiner, Geschäftsleiterin Aqua Viva
Leider zeigte sich im vergangenen Jahr ein wiederkehrendes Bild in öffentlichen und politischen Diskussionen: Der Biodiversitätsverlust, die Landschaftsqualität und die Sauberkeit unserer Gewässer werden weniger stark gewichtet als etwa Themen rund um den Wasserkraftausbau.
Dabei schreiten Klima- und Biodiversitätskrise sowie Gewässerverschmutzung weiter voran. Gewässer zu schützen ist heute wichtiger denn je und eine Aufgabe, die nur generationenübergreifend und von der gesamten Gesellschaft getragen werden kann. Auch die Politik ist gefordert: Mit gezielten Vorstössen und konsequenter Umsetzung der Gewässerschutzgesetze kann sie den Weg für integrierten Klima-und Gewässerschutz weisen, von dem auch wir Menschen profitieren. 2025 setzen wir auf Wissensvermittlung für Fachpersonen und Entscheidungsträger:innen.
Zu wenig oder zu viel Wasser
Ein wichtiger Faktor rund ums Wasser ist das sich ändernde Klima mit zunehmend häufigen und starken Wetterextremen.
Auf der einen Seite stehen Hitze- und Trockenperioden, während denen Fliessgewässer gefährlich wenig Wasser führen können. Die Schadstoffkonzentrationen im verbleibenden Wasser steigen, dieses erwärmt sich zudem stärker und
enthält weniger Sauerstoff. Diese Problematik zeigt sich besonders in Restwas-serstrecken unterhalb von Wasserkraftwerken. Mit unserer Zeitschrift «Restwasser – eine Frage des Überlebens» legten wir dar, warum die heutigen Mindestmengen oft nicht genügen und dass die Auswirkungen der Restwasserbestimmungen auf die Wasserkraftproduktion in der Schweiz geringer sind als oft befürchtet.
Auf der anderen Seite beschäftigen uns zu grosse Wassermengen bei Hochwasser- und Starkregenereignissen. Wie Naturgefahrenprävention und Gewässerschutz Hand in Hand gehen können, diskutierten wir 2025 an unserer Fachtagung und im Tagungsband «Zu viel Wasser? Naturgefahren im Zeichen des Klimawandels». Unerlässlich ist, dass für diese grosse und wichtige Aufgabe vom Bund genügend finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden. Nur so können wir in der Schweiz das Ziel erreichen, bis 2090 4000 Kilometer Fliessgewässer zu revitalisieren.
Alpine Gewässer unter Druck
Gewässerlebensräume in höheren Lagen benötigen angesichts des Klimawandels ebenso unseren Schutz, da sie Refugien für hitzeempfindliche Arten sind. Doch die landschaftlich und ökologisch spannenden Gletschervorfelder sind stark unter Nutzungsdruck. Wir setzen uns auf allen Ebenen dafür ein, dass diese einzigartigen Landschaften bekannter und besser verstanden werden.
Auch politisch standen diese Gebiete im Fokus: im Beschleunigungserlass wurden mögliche Strategien zur Beschleunigung der Verfahren bei den 16 Wasserkraftwerksprojekten im Stromversorgungsgesetz diskutiert. In diesem Rahmen wurde durch das Parlament auch das Verbands-beschwerderecht der Umweltschutzorganisationen für diese Projekte eingeschränkt – die Stimme, welche die Natur und die Gewässerlandschaften haben, denn selbst sprechen können sie nicht. Das Bekenntnis zum Verbandsbeschwerderecht war Teil des Stromgesetzes, das am 9. Juni 2024 mit grosser Mehrheit vom Stimmvolk beschlossen wurde. Der Beschluss zum Beschleunigungserlass widerspricht diesem Votum und schwächt das Umweltrecht.
Auf konkreter Projektebene konnten wir im Rahmen des «Grimsel Dialogs» aber auch Fortschritte erzielen. Der Kanton Bern, die Kraftwerke Oberhasli AG und die Umweltschutzorganisationen erarbeiteten eine transparente Bewertungsmethode für die zusätzlichen Ausgleichs-massnahmen, die sogenannte «Berner Methode». Die Methode ermöglicht es, die Eingriffe der Speicherausbauvorhaben in Natur und Landschaft sowie den ökologischen und landschaftlichen Wert von möglichen zusätzlichen Ausgleichsmassnahmen zu bewerten. Sie bildet ein wichtiges Instrument für die Festlegung von angemessenen Massnahmenpaketen und ist ein grosser Erfolg für die Umsetzung der gesetzlichen Vorgabe für die zusätzlichen Ausgleichsmassnahmen. Was bleibt ist der Verlust der einmaligen Landschaften der Trift und weiterer Teile des Vorfeldes des Unteraargletschers.
Einsatz für gesunde Gewässer
Verstärkt rückt seit 2025 die Belastung der Gewässer und des Trinkwassers durch Schadstoffe wie Pestizide und deren Ab-bauprodukte wieder in den Fokus. In den Medien sehr präsent waren PFAS (Ewigkeitschemikalien). In der Herbst-Sondersession standen diese ebenfalls im Zentrum. Aqua Viva begrüsst diese Diskussion sehr. Gleichzeitig warnen wir davor, die Gefahren für Mensch und Natur zu unterschätzen und sich mit halben Lösungen zufrieden zu geben.
Nichtsdestotrotz sind wir mit viel Elan und Energie ins 2026 gestartet. Es freut mich sehr, dass wir Anfang 2026 den Appell «Sauberes Wasser für eine gesunde Schweiz» mit weiteren Organisationen und über 32 000 Unterschreibenden mittragen durften. Und auch weiterhin setzen wir uns für das Ziel ein, mit fachlichen Informationen und inspirierenden Geschichten Bevölkerung, Verwaltung und Politik aufzuzeigen, wie lebendig strukturreiche, gesunde Gewässer sind und wie stark wir Menschen davon profitieren.
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